Liebe Patienten:innen,
wie die Mehrheit von Ihnen bereits weiß, wird es in meiner Praxis ab 1. August 2025 zu Änderungen kommen. Ich gebe meine Zulassung des Kassensitzes der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein zurück. Wie schon seit April 2024 in der Praxis angekündigt, können wir von diesem Zeitpunkt an keine gesetzlichen Krankenversichertenkarten einlesen und damit auch keine „roten Rezepte“ oder Verordnungen (wie Hörgeräte- oder Logopädie-Verordnungen) für gesetzlich versicherte Patienten ausstellen.
Wir sind nach wie vor in den bekannten Praxisräumen auf der Birkenallee 4 zu finden und sind auch weiterhin für Ihre medizinischen Fragen für Sie da. Für Patienten:innen, die eine private Krankenversicherung abgeschlossen haben, ändert sich nichts. Patienten:innen, die eine gesetzliche Krankenversicherung abgeschlossen haben, dürfen sich ebenfalls weiter von mir und meinem Team behandeln lassen. Im Vorfeld wird ein Behandlungsvertrag abgeschlossen, und nach der Behandlung erhalten Sie eine Rechnung über meine ärztlich erbrachte Leistung, die Sie vor Ort mit EC-Karte oder in bar bezahlen können.
Warum dieser Schritt zur Privat- und Selbstzahlerpraxis?
Die Beweggründe sind vielzählig
1. Budgetierung
Ein Ende der Budgetierung für Fachärzte ist nicht in Sicht. Ich bin nicht mehr bereit, 1/4 meiner erbrachten Leistungen von der Kassenärztlichen Vereinigung nicht vergütet zu bekommen.
Wer arbeitet denn bitte 1 Jahr, um nur 9 Monate der erbrachten Leistungen davon bezahlt zu bekommen?
2. MFA Fachkräftemangel (Medizinische Fachangestellte)
Seit der Praxisgründung sind Frau Holz, Frau Birkemeier und Frau Mehl in der Praxis tätig. Es ist etwas sehr besonderes in der heutigen Zeit, seit der Gründung die selben Angestellten im Team zu haben! Sie kennen jede Messung, jeden PC-Fehler, die Gesichter und Namen der Patienten und Patientinnen und können selbständig arbeiten. Nur als Beispiel: um alle otoneurologischen Testungen einwandfrei durchführen zu können, dauert es Jahre! Ohne diese Ihnen gut bekannten Powerfrauen ist es schlichtweg nicht mehr möglich, dass die Praxis so läuft wie derzeit.
Damit ist aber Schluss. Ab 1.8. geht Frau Holz als erste MFA in den Ruhestand, Frau Birkemeier folgt 6 Monate später und weitere 6 Monate später auch Frau Mehl. Drei Mal erstklassigen Ersatz zu finden ist wie drei Mal hintereinander einen sechster im Lotto zu haben…
Umso dankbarer bin ich, dass Frau Kluttig und Frau Turk an meiner Seite sind und bleiben! Sie konnten in den letzten Jahren viel von den „Älteren“ lernen und sind auf einem phänomenalen Wissensstand, was den Praxisablauf inklusive der kleinen Details angeht! Gemeinsam werden wir für Sie die nächsten Jahre da sein.
3. Bürokratie
Es ist unfassbar, was sich alleine seit meiner Übernahme der Praxis geändert hat! Ein kleines Beispiel: früher kam ein Patient:in mit oder ohne Überweisung in die Praxis und wurde behandelt. Heute kommt ein Patient:in mit einer Überweisung vom Haus- oder Facharzt. Es muss genauestens darauf geachtet werden, ob es eine HAV-, TSS-, „normale“- oder postoperative Überweisung ist, von welchem Arzt mit welcher Betriebsstättennummer und an welchem Tag diese Überweisung ausgestellt wurde. Dies muss dann mit mehreren Klicks im Praxisverwaltungssystem gespeichert werden. Wenn hierbei ein Fehler passiert, wird der Schein nicht gewertet und nicht ausgezahlt.
Diese vielen „Kleinigkeiten“ läppern sich in allen Bereichen enorm, und es fehlt am Ende die eigentliche Arzt-Patienten Zeit.
4. Die elektronische Patientenakte (ePA)
Bald wird die ePA flächendeckend eingeführt. Was auf den ersten Blick praktisch, einfach und fortschrittlich ausschaut, ist aus meiner persönlichen Sicht ein Desaster. Wie der Chaos Computer Club bereits vor Beginn der Einführung erklärte, sind bei der ePA erhebliche Lücken, was die Sicherheit angeht. Das Hacker sehr leicht an Ihre Gesundheitsdaten kommen können wird verschwiegen. Ob Sie als Patient:in die ePA nutzen, ist Ihnen glücklicherweise freigestellt und Ich kann nur jedem empfehlen, sich diesbezüglich zu informieren! Für mich ist klar, ich werde in der Praxis keine ePA nutzen - auch wenn die Nutzung schon vor August 2025 flächendeckend stattfinden sollte. Aber mit dieser Entscheidung muss ich teure Konsequenzen tragen. 2% meines ohnehin schon nicht ganz ausgezahlten Verdienstes durch die Einnahmen der kassenärztlichen Vereinigung werden mir abgezogen! Auf ärztliche Bedenken über die Sicherheit der ePA wird geantwortet: „Ein unberechtigter Zugriff auf Gesundheitsdaten ist eine Straftat!“
5. Zeit
Es ist im System der gesetzlichen Krankenversicherungen nicht möglich, sich ausreichend Zeit für seine Patienten zu nehmen. Ich möchte nicht mehr 80-100 Patienten täglich behandeln bzw. durchschleusen, ohne auf individuelle Bedürfnisse eingehen zu können.
Warum gebe ich meine Praxis nicht einfach einer:m anderen:r HNO-Arzt/Ärztin und gehe zurück in die Klinik?
Es gibt niemanden in der heutigen Zeit, der einen KV-Sitz kauft. Viele Kollegen:innen verschenken Ihre Sitze, um nicht noch die Entrümpelung der einst sehr teuren medizinischen Geräte zu zahlen (sowas tut richtig weh). Im Kreis Heinsberg, Viersen und Mönchengladbach haben in den letzten 5 Jahren 4 HNO Praxen geschlossen - eine davon war insolvent!
Nachfolger:innen gibt es nicht, und der Bankkredit muss noch viele Jahre abbezahlt werden. Also bleibe ich mit o.g. Veränderung, die es mir ermöglicht, so zu arbeiten, dass ich auch noch die nächsten 20-30 Jahre vor Ort bleiben kann. Außerdem liebe ich meine Arbeit (mit Ausnahme der Bürokratie) sehr.
Warum habe ich kein schlechtes Gewissen?
Ich habe die Misere im Gesundheitssystem nicht geschaffen! Außerdem hat mein Medizinstudium den deutschen Steuerzahlern keinen Cent gekostet. Ich habe in Tschechien an der Karlsuniversität studiert. Die Kosten dafür haben meine Eltern getragen, worüber ich bis heute unendlich dankbar bin.
Zukunftspläne
Ab August 2025 können Sie sich weiter wie gewohnt über doctolib Termine als Privatversicherter oder dann neu als Selbstzahler buchen. Wir haben eine neue Zeiteinteilung der Termine mit weniger Wartezeiten in der Praxis. Das Angebot der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) mit Akupunktur und Kräuterlehre wird ausgeweitet - diese Termine können nach wie vor nur telefonisch vereinbart werden, aber mit voraussichtlich besserer telefonischer Erreichbarkeit. Ein weiterer Schwerpunkt wird die vorbeugende Medizin sein, die in unserem derzeitigen Gesundheitssystem leider immer mehr an Beachtung verliert. D.h.:ich werde ab August erwartungsgemäß mehr Zeit für Sie haben.
Ich freue mich weiterhin auf Ihren Besuch und wünsche meinen Patienten, die aus diversen Gründen die Praxis wechseln, alles Gute.
An dieser Stelle habe ich noch eine Bitte:
Bitte gehen sie respektvoll mit meiner Entscheidung um! Ich bitte Sie insbesondere, Ihre Wut nicht weiter an meinen medizinischen Fachangestellten auszulassen! Sie machen alle täglich einen fantastischen Job und sind immer freundlich. Die - bisher zum Glück „nur“ - verbale Gewalt, die meine MFA’s leider immer öfter in der Praxis, privat im Supermarkt, beim Bäcker oder im Sportzentrum erfahren, führt zu nichts - ist aber an der Tagesordnung. Es ist nach wie vor ein Unterschied, ob Sie in sozialen Medien Ihre Hasskommentare verteilen oder bei einem vollen Wegberger Bäcker mit Publikum in rauem Ton eine meiner MFA’s anraunzen, was Ihnen einfällt, die Praxis zu privatisieren. Wer soll in Zukunft denn noch den Job von MFA’s, Ärzte:innen, Polizisten:innen, Rettungskräften übernehmen, wenn zunehmend respektloser mit diesen Berufsgruppen umgegangen wird? Wenn Sie sauer über diese Situation sind, wenden Sie sich doch z.B. an folgende Adressen:
Wie Walt Disney in Bambi schon sagte: „Wenn man nichts Nettes zu sagen hat, sollte man einfach den Mund halten!“
Vielen Dank fürs zu Ende lesen,
Ihre Dr. Berit Verspohl